Friederike Elfriede Rulla geb. Goldmann (1894-1940)

Biographie

Am 9. Juli 1894 kommt in Leobschütz in Schlesien ein kleines Mädchen zur Welt: Friederike Elfriede Goldmann.

 

Sie wächst mit zwei älteren und zwei jüngeren Geschwistern in einer jüdischen Familie auf. Aus einem Brief ihrer Schwester wissen wir, dass sie in der Familie „Frieda“ gerufen wird.

 

Frieda ist fast 20 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg beginnt. Später wird sie einmal auflisten, wie „Deutschland treu“ ihre Familie und sie sind, um ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk zu beweisen. Da schreibt Frieda:

 

„[Mein] Großvater Simon Goldmann war 1870/71 in Frankfurt [für Deutschland] im Krieg[. Mein] Vater Siegfried Goldmann hat im Weltkrieg die Verwundeten vom Bahnhof mit dem eigenen Gespann geholt und in die Lazarette gefahren [und] bekam dafür [den] schlesischen Adlerorden[. Mein] Bruder Oskar Goldmann [ist] im Weltkriege [mit 24 Jahren in Frankreich] gefallen [wie auch drei meiner] Vettern[. Ich selbst habe] 1921 [zur] Abstimmung in Leobschütz deutsch gestimmt, [als durch Volksentscheid die Zugehörigkeit von Leobschütz zu Deutschland oder Polen bestimmt werden sollte. [Meine] Tochter war damals ein Jahr und das zweite unterwegs und trotz dem ich krank war, bin ich [von Spremberg nach Leobschütz] gefahren[.]“

 

In der Zeit des Ersten Weltkrieges lernt Frieda auch Bruno Rulla kennen. Bruno ist in Haidemühl, Drebkau und Weißwasser aufgewachsen. Als 17-Jähriger hat er seine Elektrolehre abgebrochen und sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet. In einem Liebesbrief schreibt Frieda nach dem Krieg an Bruno:

 

„Mein liebes Männe! […] Weißt Du mein Lieber, ich wünsche mir daß unsere gegenseitige Liebe für immer so wie sie jetzt ist, bestehen bliebe. Und hoffe es auch bestimmt. [...] Schlimm kann es ja nicht werden, die Angst hat sich bei mir schon etwas gelegt; denn Du hast mir ja versprochen bei mir zu bleiben.“

 

Frieda erwähnt auch Zweifel und Vorbehalte, die ihre Nachbarin und ihre Familie gegenüber Bruno hegen. Doch ein halbes Jahr später – am 22. Dezember 1919 – heiraten die beiden in Leobschütz. Darauf ziehen sie nach Bad Muskau, wo ihre beiden Kinder, Lieselore und Hansjoachim, zur Welt kommen.

 

1924 zieht die Familie nach Trattendorf, wo Bruno Arbeit im Kraftwerk gefunden hat. Frieda betreibt ein Radiogeschäft und eine Zeitzeugin erinnert sich, dass später über Frieda immer erzählt wurde, sie habe aus ihrem Küchenfenster selbstgemachte Bonbons an Kinder verkauft.

Als 1932/33 die nationalsozialistische Ideologie in Deutschland bereits weit verbreitet ist, will Bruno seine sogenannte Mischehe mit einer Jüdin nicht mehr führen. Er sucht einen Rechtsanwalt auf, weil er sich scheiden lassen möchte. Dieser erklärt ihm allerdings, dass die Tatsache, dass Frieda Jüdin ist, nicht als Scheidungsgrund ausreiche. Es beginnt ein jahrelanger Ehestreit und Scheidungsprozess.

Frieda wirft ihrem Ehemann eine Affäre vor, die von mehreren Zeugen gestützt werden kann. Bruno sieht in seiner Ehefrau den Grund für das Scheitern seiner Karriere. Tatsächlich wird ihm 1935 im Kraftwerk gekündigt, da Bruno der Sabotage verdächtigt wird, zu der er eben fähig sein soll, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Gleichzeitig wird ihm nicht erlaubt, sich mit einem eigenen Geschäft selbständig zu machen.

 

In einem Brief schreibt Friedas jüngste Schwester Ella zu dieser Zeit an Frieda:

 

„Liebe Frieda! […] Du sollst Dir aber sofort einen tüchtigen jüdischen Anwalt nehmen, der weiß alles genau. […] [Wenn Bruno] Meister wäre, [hätte er] die Genehmigung bekommen, ein Geschäft auf zu machen, denn er war Frontsoldat und er ist doch deutsch. Selbst die Juden, die Frontsoldaten waren, haben doch die Geschäfte und die Rechtsanwälte sind doch auch zugelassen. Das Judentum ist nur Ausrede. […] Bruno wird wegen der Klage wegen dem Judentum abgewiesen werden, aber was wird dann werden? Er wird Dich schikanieren, aber wird Dir kein Geld [geben].“

Kurz zuvor war Friedas nun 13-jähriger Sohn Hans in Leobschütz bei Ella zu Besuch. Dazu schreibt Ella: „Uns wundert nur, dass Hans nichts [von euch] erzählt hat. [Aber er wollte] nicht nach Hause fahren. Er hat nur immer gesagt, wenn er 14 Jahre ist, tritt er aus der H[itler]J[ugend] aus und kommt zu uns.“

 

Sechs Jahre später wird Ella im Ghetto Kaunas im Alter von 43 Jahren von den Nationalsozialisten ermordet.

 

Frieda findet einen tüchtigen jüdischen Anwalt: Hermann Hammerschmidt aus Cottbus. Fünf Jahre kämpft er für ihre Rechte. 1944 wird auch er ermordet. Ein STOLPERSTEIN erinnert in Cottbus in der Bahnhofstraße 62 vor seiner ehemaligen Kanzlei an ihn.

 

1936 wird Brunos Scheidungsklage abgewiesen. Er muss die Prozesskosten tragen. Zuletzt hatte er versucht durch ein Schreiben an den Reichsjustizminister noch Unterstützung zu finden. Doch schließlich hat sogar ein Mitglied der SA in Spremberg gegen Bruno Rulla vor Gericht ausgesagt. Trotzdem dürfen Bruno und Frieda nun in getrennte Haushalte ziehen. Frieda zieht mit den Kindern in die Wilhelmstraße 9. Eine Zeitzeugin erinnert sich, dass sich dort 13 Familien ein Klosett auf dem Hof teilen mussten. Heute heißt die Wilhelmstraße Geschwister-Scholl-Straße und der letzte Wohnort von Frieda befand sich dort, wo jetzt die Rückseite der Vertriebs- und Beratungsgesellschaft ist.

 

Das Radiogeschäft wird Frieda schließlich im Zuge der sogenannten Arisierung des Einzelhandels weggenommen und an Bruno übergeben. Da sie nun keinen eigenen Verdienst mehr hat, klagt sie Unterhaltszahlungen von Bruno ein, die sie auch bekommt.

 

1938 muss Frieda zu einer Operation ins Cottbuser Krankenhaus, weshalb Hans zurück zum Vater zieht. Außerdem erkundigt sich Frieda beim Palästina-Amt über ihre Möglichkeiten zur Ausreise aus Deutschland. Vom Amt wird ihr mitgeteilt, dass eine Emigration nach Palästina illegal wäre, aber von den deutschen Behörden geduldet werde. Das ist für Frieda keine Option. Trotzdem vermacht sie ihren Kindern schriftlich ihren gesamten Besitz, „falls ich eines Tages mal abgeholt werden sollte“, wie sie vor Gericht aussagt.

Bruno aber nutzt diese Informationen, um erneut eine Scheidungsklage einzureichen. Er begründet diesen zweiten Versuch eben damit, dass Frieda sich nicht um die Kinder kümmere und auswandern wolle, also an einer Ehe nicht mehr interessiert sei.

 

Frieda hingegen führt an, dass Bruno das Briefgeheimnis verletzt habe, indem er ihre Post vom Palästina-Amt öffnete, ein Verhältnis mit einer neuen Frau habe und dass sie mehrere Schriftstücke vorlegen könne, in denen er seinen Hass auf seine Frau als Jüdin kundtut.

 

Das Urteil wird am 29. März 1940 verkündet und Rechtsanwalt Hammerschmidt schreibt an Frieda:

 

„In Ihrer Ehescheidungssache hat das Gericht die Ehe […] geschieden und Ihren Ehemann für den allein schuldigen Teil erklärt und ihm die Kosten auferlegt. Das Gericht hat allein schon die Postabschnitte mit [seinen] beleidigenden Bemerkungen als genügenden Grund zum Schuldausspruch angesehen […].“

Doch Frieda erreicht dieses Schreiben nicht mehr. Sie befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer Zelle im Rathaus von Spremberg.

Eine Nachbarin, Frau Kühn, soll Frieda einen Brief eines Soldaten in Spremberg gebracht haben, und Frieda soll daraufhin den Soldaten zu einem Rendezvous gebeten haben. Wie solche Infos an die Polizei gekommen sind, ist fragwürdig und unklar. Die Ermittlungsakten, die in den Gerichtsakten noch erwähnt werden, sind verschollen.

Jedenfalls werden alle drei mit dem Vorwurf Rassenschande verhaftet. Wie es mit Frau Kühn und dem Soldaten weiter ging, ist bisher unbekannt.

 

Die Rathauszelle bestand laut einer Zeitzeugin aus nur einem Raum: darin der Schreibtisch für den Wachtmann und die Zelle. Nach 20 Tagen Haft nimmt sich Frieda dort das Leben. Sie ist 45 Jahre alt. In ihrem Sterbeeintrag wird vermerkt: „Selbstmord durch Erhängen“ in den frühen Morgenstunden „zwischen 5 bis 7 Uhr“. Es ist der 10. April 1940 – der Geburtstag von Friedas Mann Bruno. Was tatsächlich in der Zelle vonstatten ging, werden wir womöglich nie erfahren.

Drei Tage später wird Frieda auf dem Waldfriedhof beerdigt. Das Scheidungsurteil wird als wirkungslos beschlossen.

 

Bruno heiratet nach dem Krieg erneut und zieht nach Güstrow.

Hans zieht nach Berlin, wo er auch heiratet, aber wie seine Mutter stirbt er im Alter von 45 Jahren – und zwar kinderlos.

Lieselore geht in die Niederlande. Dort stirbt sie 1987. Ob Frieda über sie noch Nachkommen hat, konnte bisher nicht ermittelt werden.

Auch das Schicksal von Friedas anderen zwei Schwestern ist noch unbekannt.

Am 5. Oktober 2022 wurde in Spremberg durch den Künstler Gunter Demnig der erste STOLPERSTEIN verlegt: für Elfriede Rulla. An der Verlegung nahmen ca. 150 Personen teil darunter viele Schülerinnen und Schüler.

Siehe auch
Leobschütz, Schlesien
Leobschütz, Schlesien
Brief von Elfriedes Schwester Ella mit der Anrede "Liebe Frieda!"
STOLPERSTEIN für
Hermann Hammerschmidt in Cottbus
ehemalige Wilhelmstraße 9
ehemalige Wachtzelle im Rathaus Spremberg (Lange Straße)
Rulla, Sara Elfriede StA Spremberg Nr. 100_1940.jpg
Sterbeeintrag für Elfriede Rulla
Grabstein von Lieselore Rulla
in den Niederlanden
Stolperstein Elfriede Rulla
STOLPERSTEIN für Elfriede Rulla, Geschwister-Scholl-Straße am Durchgang zur Friedrichstraße
Foto: Sebastian Krüger
Quellen

Brandenburgisches Landeshauptarchiv

- Rep 150 RA Haschm Nr. 366, Rep. 16 Nachlass Hammerschmidt 366, Rulla, Bruno / Rulla, Elfriede – Ehescheidungssache, 1935-1938

- Rep 150 RA Haschm Nr. 367, Rep. 16 Nachlass Hammerschmidt 367, Rulla, Elfriede – Unterhaltsklage, 1938.

- Rep 150 RA Haschm Nr. 368, Rep. 16 Nachlass Hammerschmidt 368, Rulla, Bruno / Rulla, Elfriede – Ehescheidungssache, 1940.

 

Stadtarchiv Spremberg:

- Sterbeeintrag Rulla, Elfriede, Nr. 100/1940.

- Spremberger Adressbücher von 1932 und 1936.

 

Archiv der Kreuzkirche Spremberg:

- Taufbuch Spremberg Stadt 1936, Rulla, Lieselore, Seite 260.

 

Standesamt Bad Muskau:

- Geburtseintrag für Rulla, Hans Joachim, 79/1921.

 

Online Archiv von ancestry.de:

- Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945 für Rulla-Goldmann.

 

Internetseiten:

- https://www.mappingthelives.org/bio/e75b1515-6fda-47c2-94d7-45db73364565 (Stand 07.10.2021).

- https://www.mappingthelives.org/bio/d9c95fcc-a82c-4009-9d06-bf8ba1c26145 (Stand 07.10.2021).